Tag XY

Ich habe aufgehört die Tage zu zählen. Ich würde lieber die Tage zählen, wo wieder etwas Normalität einkehrt. So eine Art Adventskalender. Nur dass man nicht weiß, wieviel Türchen er hat.

Der Morgen beginnt zeitig. Kurz vor 7 Uhr zählt mir mein Jüngster im Bett auf, was ich einkaufen soll: Frischkäse, Milchschnitte und Mortadella. Er hat konkrete Wünsche. Punkt 7 Uhr fahre ich zum Aldi, das erste Mal mit einer Atemschutzmaske. Alte Erinnerungen werden wach. Vor Urzeiten, in meiner Ausbildung als Krankenschwester, habe ich so was getragen. Darum fühlt sich das Ding um meine Nase gar nicht so fremd an. Erst mal. Und dann spüre ich gleich, wo es hakt: Die Brille. Oh nein, ich werde alt! Ich habe eine echte Herausforderung beim Einkaufen. Ich habe zwar eine schicke, waschbare, zartrosafarbene Stoffmaske, aber die ist so dicht, dass mein Atem die Brille beschlägt und ich nichts mehr sehe. Jetzt kann ich mir aussuchen: Sehe ich nichts, weil die Brille beschlagen ist oder weil ich sie abgesetzt habe. Ich war bis zu dem Zeitpunkt für Masken, doch diese Meinung ändert sich in dem Moment radikal. Es funktioniert mit meiner Brille einfach nicht. Halbblind suche ich mir meinen Weg durch den zum Glück recht menschenleeren Aldi, setze die Maske zwischendurch ab um den richtigen Mortadella für mein Kind zu suchen (den es dann doch nicht gibt) und setze das Ding gleich wieder auf.

In dem Moment werde ich angesprochen: “Wo haben Sie diese Atemschutzmaske her? Haben sie diese gekauft oder selber genäht? Ich suche dringend welche…” – Was für ein Gesprächsthema morgens bei Aldi im April 2020. Hätte uns das mal einer vor einem Jahr gesagt….

Ich erkläre, das ich gute Beziehungen zu einem Medizinfachhandel habe und der wiederum auch gute Beziehungen zu der Firma habe…. Ich war bei der Partnerwahl sehr strategisch, wie sich wieder mal herausstellt. Ein Schwager, der Eigentümer eines Medizinfachhandels ist, und Schwiegereltern, die diesen gegründet haben, ist in solchen Zeiten Gold wert. Die Atemschutzmasken kamen frei Haus geliefert, ich musste nicht mal was machen. Nur dass sie in meinem Gesicht nicht funktionieren, ist irgendwie blöd.

Zu Hause werde ich unter Jubel meines Jüngsten an der Tür begrüßt – als wäre ich eine Woche von zu Hause weg gewesen. Er braucht nicht viele Gründe, um das Leben zu feiern. So eine Einstellung brauchen wir in diesen Zeiten.

Mit frischen Brötchen starten wir zu fünft in den Tag, Naja, für ca. 10 Minuten sind wir als Familie komplett am Tisch. Dann hat Daniel schon sein erstes Zoom Meeting. Er sitzt draußen auf der Terrasse, wir drinnen. Und unser Alltag hat uns wieder: Homeschooling, Kleinkinderunterhaltung, Arbeiten unter einem Dach.

Tag 31: Kindergeburtstag Nr. 2

Puh, seit einem Monat ist unser Leben drastische eingeschränkt. Wir haben uns irgendwie dran gewöhnt und irgendwie auch nicht. Ich spüre, dass ich für alles mehr Energie brauche, was mir sonst leicht von der Hand ging. Kindergeburtstage vorzubereiten sind für mich immer mit viel mehr Kraft verbunden. Diesmal auch. Es ist nun schon der zweite Geburtstag, den wir in der Krise feiern. Gerade unser Jüngster, der nicht versteht, warum wir unsere Freunde und Familie nicht sehen können, soll einen Tag haben, an dem er sich gern erinnert.
Er wünschte sich zu seinem dritten Geburtstag einen Rasenmäher und Hächsler, in lila Geschenkpapier eingewickelt. Das Kind hat Ideen…. Lila Geschenkpapier gab bei Aldi leider nicht und mir ist auch nicht bekannt, dass es Häcksler für Dreijährige gibt. Aber den Rasenmäher bekam er.
Seine Brüder sind fast aufgeregter als er, als wir gemeinsam den Geburtstagstisch mit Kerzen und Geschenken bestaunen. – Endlich ein Rasenmäher, während Rolfs Zuckowsis Geburtstagslied in Dauerschleife aus dem Lautsprecher dudelt.

Der wird gleich ausprobiert, genauso das neue Laufrad – eins mit Korb!
Während ich seine Geburtstagstorte backe, nimmt sich Daniel Zeit für die Kinder. Das ist für mich ein großer Gewinn – ohne meine kleinen Helfer geht es besser und schneller.

Gegen Mittag kommt eine Erzieherin aus der Kita vorbei und bringt Valentin sein Geburtstagsgeschenk. Ich bin echt gerührt. es ist liebevoll verpackt und mein Geburtstagskind lädt die Erzieherin gleich ein zu bleiben.

Am Nachmittag kommt noch ein Geburtstagspäckchen – in lila Geschenkpapier. Endlich. Aber er bemerkt es gar nicht so richtig, weil er gerade seine Geburtstagstorte ist – im Garten bei Sonnenschein.

Während Papa noch eine Telefonkonferenz hat, essen, und spielen wir, Geschenke werden noch übern Zaun gereicht und es gibt viele schöne Momente.

Dann kommt endlich Papa – und die Feuer in der Feuerschale wird angemacht. Das war Valentin so wichtig. Er liebt Feuer – wie alle unsere anderen Jungs auch. Würstchen und Marshmallows werden gebraten.

Es gab einige Momente, die uns heute die nationale Situation vergessen lassen haben. Das war gut.

Der lang ersehnte Rasenmäher.
Die Torte

Tag 29: Ostern allein zu Hause

Ganz ehrlich, es gab heute Momente, da wollte ich nicht mehr. Die Kinder freuten sich auf Ostern – und ich auch. Wir wollten es irgendwie festlich machen, es sollte einfach schön werden.
Soulfood ist ein Teil von Feiern, darum backte ich am Vormittag einen Kuchen. Einen richtigen, mit mehreren Arbeitsschritten, so wie es sich für einen Feiertag gehört.
Daniel leitete unseren Zoom-Gottesdienst am Computer und durfte nicht gestört werden. 

Manchmal funktioniert Kuchen backen und Kinderbetreuung, manchmal nicht. Heute war so ein – Funktioniert-gar-nicht-Vormittag. Der Jüngste hatte Hunger (das habe ich zu später erkannt), der Mittlere schlechte Laune under Große versuchte zwischen beiden zu vermitteln und gerät zwischen die Fronten. Na klasse. Ich flitzte zwischen Küche und Kinderzimmer hin und her, mit dem Resultat, dass der Pudding für den Kuchen zu dünnflüssig wurde, dafür der Boden zu dick.
In der Küche Chaos, im Kinderzimmer emotionales Chaos, und überhaupt auch in mir selbst Chaos. Die letzten Wochen haben meine innere Kraft schrumpfen lassen, aber meine Kinder brauchen sie gerade jetzt. Ich versuche zu schlichten, zu trösten, Kinder auf verschiedene Räume zu verteilen und den Pudding für den Kuchen zu retten. 

Ich brauche jetzt irgendwie übernatürliche Kraft – also die Kraft der Auferstehung Jesu. Das, was wir ja eigentlich heute feiern. Danach ist mir in dem Moment überhaupt nicht zu Mute. Ich lasse einen inneren Hilferuf Richtung Himmel los und hoffe, dass die Sonne, die draußen scheint, bald auch in unsere Herzen einzieht.

Zum Mittagessen wird die Stimmung mäßig besser. Das besondere Grill-Fleisch schmeckt nicht allen, aber wir sitzen draußen auf unserer Terrasse. Wir telefonieren mit Oma und Opa, und dann wollen die Kinder endlich Ostereier suchen.
Dank einer lieben Freundin gibt es ein paar mehr Geschenke und auch unsere Nachbarn von gegenüber haben eine kleine Überraschung in den Garten gestellt. Jetzt kommt doch noch Osterstimmung auf. Der Jüngste hat Spaß beim Suchen und Finden und stopft sich den Mund schon zwischendurch voll Schokoladeneiern. 

Die Nachbarn von nebenan rufen über den Zaun Hinweise, weil die beiden Großen ihre Geschenke immer noch nicht gefunden haben – manchmal sieht man aus dem Abstand besser als wenn man ganz nah dran ist. Nun ist die Stimmung gut und wir haben alle Spaß.

Der kleine ist dann doch erschöpft und glücklich auf meinem Arm eingeschlafen. Ich genieße für ein paar Minuten die Ruhe im Garten. – Die ersten und einzigen Minuten für mich allein. Ich blicke – mein schlafendes Kind in den Armen haltend – durch den Garten: er ist grün! Vergissmeinnicht und Narzissen blühen, die Tulpen, die die Fußballspiele überlebt haben, blühen auf – es ist die schönste Jahreszeit in meinem Garten. Und ich bin mitten drin.

Gegen Abend scheint die halbe Nachbarschaft unterwegs zu sein. Wir kommen gar nicht mehr von unserem Gartentor weg, ständig treffen wir Leute mit denen wir reden. Wir verschenken Kuchen, bekommen Feuerholz angeboten, und dann kommen auch noch unsere Freunde vorbei geradelt. Unsere Kinder sind glücklich. Sie dürfen ihre Freunde nur durch den Zaun sehen, aber dafür live und in Farbe.  Einfach mal quatschen und Quatsch machen. Das Abendessen verschiebt sich immer weiter nach hinten, macht nix. Der Hunger kann warten. 

Ich bin dankbar, dass der Tag harmonischer endet als er begann. 

Tipps von den Nachbarn sind bei der Ostereiersuche willkommen.
Ausgerechnet heute bekam ich dieses “Osterei” geschenkt.

Deutschland betet gemeinsam

Darauf hatte ich schon lange gewartet, nämlich, dass Christen zusammen stehen und gemeinsam für ihr Land beten.

Wir haben das in den letzten Wochen im Kleinen getan und organisierten als Gemeinde mehrere Gebetsketten. – Jeder, der mitmacht, trägt sich in eine Liste ein, und „reserviert“ sich eine Stunde, in der er betet. Dazu versenden wir verschiedene Anliegen, für die gebetet werden kann und auch eine „Anleitung“, wie diese Gebetsstunde gestaltet werden kann. Eine Stunde nur beten, das klingt sehr lang, vielleicht auch langweilig oder anstrengend. Das muss aber nicht so sein, und viele Teilnehmer geben uns die Rückmeldung, dass es für sie persönlich eine sehr wohltuende und gute Stunde war.

Vergangenen Mittwoch wurde das Ganze auf nationaler Ebene von prominenten geistlichen Leitern in Deutschland eine gemeinsame Gebetszeit initiiert. Wunderbar, dass sich tausende von Menschen schon vorher eingetragen haben, dabei zu sein. Im Lifestream gab es über 57.000 Teilnehmer. Was für eine Resonanz! Die Corona-Krise bringt eine Nation zusammen, um zu beten! So etwas gab es zu letzt 1989, als die Mauer fiel.

Wenn du in der Kranken- oder Altenpflege arbeitest – für dich haben wir gebetet.
Wenn du Politiker bist und gerade viele und schwierige Entscheidungen treffen musst – für dich haben wir gebetet.
Wenn du deine Arbeitsstelle verloren hast, oder du gerade kein Einkommen hast – für dich haben wir gebetet.
Wenn du gerade mit der Doppelbelastung zu kämpfen hast, von zu Hause aus zu arbeiten und gleichzeitig Kinder zu betreuen – für dich haben wir gebetet.
Wenn du gerade einsam bist und deine Familie, Freunde, Enkelkinder nicht sehen darfst – für dich haben wir gebetet.
Wenn du Angst hast, weil du nicht weißt, wie es weiter geht – für dich haben wir gebetet.
Wenn du selbst infiziert bist, im Krankenhaus bist und dein Gesundheitszustand kritisch ist – für dich haben wir gebetet.
Wenn du durch diesen Virus Verwandte oder Freude verloren hast – wir haben für dich gebetet.

Tag 21: Von Virenschleudern

“Och nö.” ist wohl der Satz, den ich in den letzten beiden Tagen am häufigsten gehört habe. Wenn drei Kinder gleichzeitig im Stimmungstief sind, dann braucht man Nerven aus Drahtseile und einen Plan raus aus dem Tief.
“Kinder, wir machen heute eine Fahrradtour.”
“Och nö, ich will hier bleiben.”
Alles klar,…. wir sind ja gerade echt wenig zu Hause 😉

In diesen Tagen bin ich einmal mehr der “Tourguide” durch unseren Alltag, ich sorge dafür, dass wir ein Mindestmaß an Struktur am Tag haben und ich entscheide auch darüber, was uns gut tut. Und das ist jetzt alle Mann raus.

Wie erwartet, kaum auf den Rädern, geht es uns allen besser. Wir leben schon seit 7 Jahren in dem Stadtteil, aber heute haben wir Ecken durchfahren, da waren wir noch nie. Mein Jüngster sitzt hinter mir und möchte gern bei jedem Spielplatz anhalten – und wir kommen an vielen vorbei. Das sind die Momente, wo mein Herz schmerzt, wie soll ein noch nicht mal dreijährigen erklären, dass das für seine Gesundheit gefährlich sein könnte.
Nachdem wir die Grenze zu Brandenburg passiert haben, machen wir eine Pause. Auf einer Bank. Das dürfen wir wieder seit dem Wochenende. In großem Abstand sitzt ein Mann auf einer anderen Bank. Es ist nicht viel los. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass jede Person, die man unterwegs trifft, ein “Unreiner” ist, dem man nicht zu nahe kommen darf. Es ist surreal, das man rausfährt um mal “Freiheit” zu schnuppern, und trotzdem muss man überall aufpassen, dass man nix anfasst oder falsch macht. Wenig später kommt ein Radfahrer um die Ecke gebogen und ruft mit humorvollem Unterton, während er an uns vorbeifährt: “Achtung, Virenschleudern.”

Wir lachen alle, und ich finde es echt gut, dass es in diesen Zeiten humorvolle Momente und Menschen gibt. Trotzdem ist es krass, dass jeder Mensch, dem man gerade begegnet, eine potentielle Gefahr ist. Und umgedreht ja auch – ich könnte andere anstecken.
Wie wird das den öffentlichen Umgang miteinander weiter prägen? Werden wir immer etwas skeptisch bleiben und Abstand halten?

Mir macht das (noch) nichts aus, ich bekomme meine Portion Nähe und Körperkontakt immer noch jeden Tag im Übermaß. Ich muss sogar Mama-Kuschel-Zeiten für jedes Kind reservieren und einplanen.

Gut getan hat uns die Tour trotzdem. Das “och nö” hörte ich danach fast nicht mehr.

Tag 20: Ein Journalist kommt zu Wort.

Vor wenigen Tagen habe ich einem befreundeten Journalisten um seine Meinung gebeten in Bezug auf die vielen extrem unterschiedlichen Meinungen von Experten, was den öffentlichen Umgang mit dem Corona-Virus betrifft.
Da ich diesen Mann gut kenne und seine Meinung sehr schätze, gebe ich nun hier mit seinem Einverständnis sein Mail wieder, in der Hoffnung, dass es den einen oder anderen bei der eigenen Meinungsfindung weiter hilft.

Hier kommt das Mail:

Liebe Nancy,

ein paar Überlegungen zu Deinen Fragen: Zugegeben, auch nach meiner Einschätzung gibt es ganz sicher Übertreibungen in Zusammenhang mit dem Virus – nicht zuletzt in den Medien. Auch teile ich die Meinung, dass Skeptiker in Presse, Funk und Fernsehen unterrepräsentiert sind. Man findet sie vor allem im Internet – dort allerdings meist auf Seiten, die tendenziell zu Verschwörungstheorien neigen. Wobei offen ist, ob die Skeptiker (unter ihnen sind ja durchaus angesehene Virologen) sich dort veröffentlicht sehen wollen, oder ob die Betreiber dieser oftmals dubiosen Homepages begierig alles aufsaugen, was ihre Anti-Mainstream-Thesen stützt, ebenso die Mär von der Lügenpresse.

Und nun mein großes „Aber“:

Niemals seit dem zweiten Weltkrieg hat es in der westlichen bzw. hochindustrialisierten Welt in Friedenszeiten so viele Todesopfer in solch kurzer Zeit mit einer (Haupt-)Todesursache gegeben: Mit Stand heute Abend zusammen über 20.000 Tote in Italien und Spanien, über eintausend Tote in New York City binnen weniger Tage – um nur zwei Beispiele zu nennen. Diese Opfer sind allesamt (bzw. ganz sicher fast alle) am Virus bzw. an der daraus resultierenden Lungenkrankheit Covid-19 gestorben.
Daher bin ich der festen Überzeugung: Hier ist keine Panikmache am Werk, die Gefahr ist gegeben, das Virus bzw. die Pandemie ist hochgefährlich.
Und wir stehen erst am Anfang: In Afrika geht es langsam los, ebenso in Indien mit seiner Bevölkerung von allein über einer Milliarde Menschen. Und welch Horror, wenn das Virus buchstäblich durch die riesigen Flüchtlingslager fegen wird. Dort sind alle schutzlos…
Das Tempo des Virus ist atemberaubend: Am 1. März hatten die USA laut Johns-Hopkins-Universiät in Baltimore (derzeit weltweit der “Goldstandard” für diese Zahlen) 74 Infizierte (vierundsiebzig!), nun, am 1. April, sind es über 190.000 (und wer weiß, wie hoch die Dunkelziffer ist!?). Und dies in einem der reichsten Länder der Welt, das – bei allen bekannten Defiziten – ein Gesundheitssystem hat, das denjenigen in der Dritten Welt sicher weit überlegen ist.

Kritiker bzw. Skeptiker werfen gerne ein: Viele Opfer seien nicht an Corona gestorben bzw. „nicht nur“ an Corona, sondern an der Kombination aus (meist altersbedingten) Vorerkrankungen und dem Virus, das dann den Tod beschleunigt habe. Da heißt es dann schnell: „Ganz normale Grippe-Epidemie“…
Diese Argumentation mit den nicht monokausalen Todesfällen mag in vielen Fällen ja zutreffen, aber ich halte sie für hoch gefährlich, weil sie meist instrumentalisiert wird und dann ganz schnell inhuman (und, da wirst Du mir recht geben: zutiefst unchristlich) ist: Denn flugs sagen Skeptiker in diesem Zusammenhang sehr häufig, „die wären doch sowieso bald gestorben, die meisten Opfer sind eh hochbetagt…“ etc. pp. – Solch eine Sichtweise ist m.E. absolut inakzeptabel.
Akzeptabel – weil tatsächlich alternativlos – ist nur die sog. Triage, wenn also Ärzte zu wenig Beatmungsgeräte für zu viele Patienten haben – und dann auswählen müssen, wer überleben soll und wer nicht. Allein, dass es in Friedenszeiten zu dieser schrecklichen Herausforderung für Mediziner kommt, zeigt (s.o.) die Dramatik dieser historisch einmaligen Situation, also die Bedrohung durch das Virus.

Typischerweise kommen im Zusammenhang mit der Skepsis reflexartig die üblichen Vorwürfe (meist von ganz weit rechts im politischen Spektrum), wonach „dunkle Mächte“ uns regieren, drangsalieren, betrügen, manipulieren usw. Gerne genannt werden da die Politik (Abbau der demokratischen Grundrechte, Hinwendung zur Diktatur) oder die Wirtschaft (die Pharma-Industrie will Geld verdienen, irgendein Land hat das Virus „gezüchtet“, um die Weltherrschaft an sich zu reißen) – das alles finde ich ehrlich gesagt absolut unglaubwürdig und furchtbar billig.
Die Politik macht sicher viele Fehler (alles nur Menschen…), die (kapitalistische) Wirtschaft sucht stets und oftmals rücksichtslos ihren materiellen Vorteil – aber was über diese Grundannahmen hinausreicht, halte ich für Blödsinn, den Verschwörungstheoretiker sich ausdenken. (Interessant, und offenbar keine Verschwörungstheorie: Es gibt Vermutungen – und da ist immerhin unser Außenministerium die Quelle – das von Moskau gelenkte Leute ganz gezielt die westliche Welt via Internet auch im Fall von Corona mit Falschmeldungen zu verunsichern suchen, um hier Panik zu schüren bzw. die Verunsicherung der Bevölkerung zu steigern.)

Abschließend noch einmal zurück zu meiner Zunft: Ich vermute sehr stark (ohne es 100-prozentig zu wissen), dass die Medien die Skeptiker vor allem deswegen wenig zu Wort kommen lassen, weil deren (Außenseiter-)Thesen viele Menschen ganz schnell dazu verführen würden, die Warnungen der allermeisten Experten – und damit verbunden die Zwangsmaßnahmen der Politik, sprich die Einschränkungen unserer Freiheit etc. – nicht ernst zu nehmen.
Das kann man eine „freiwillige Beschneidung“ der Meinungsfreiheit auf dem Wege der Selbstzensur nennen, aber es geschieht (falls meine Vermutung denn zutrifft) sozusagen aus übergeordnetem Interesse – sprich: dem Schutz der Bevölkerung. Und daher halte ich es auch für legitim.
Dazu ein Beispiel: Unsere Politiker haben spät, aber glücklicherweise nicht zu spät gehandelt – anders die amerikanische Heimsuchung namens Donald Trump: Der hat das Thema über Wochen und bis vor wenigen Tagen klein geredet, hat sich sogar über die vermeintliche Corona-Hysterie in der „alten Welt“ lustig gemacht, was bei den allermeisten seiner Landsleute gut ankam, und von der US-Presse 1:1 so wiedergegeben wurde. Nun rollt der Corona-Tsunami über die USA hinweg. (…)

Viele liebe Grüße an Dich und deine Männer
von
M.

Tag 17: Experimente und Gartenbewohner

Theoretisch war heute der letzte Schultag. Praktisch steht noch so einiges auf dem Hausaufgabenplan, zumindest beim Ältesten. Die entspannten Fächer haben wir uns für den Schluss aufgehoben – Kunst z.B. Denn das macht tatsächlich auch Spaß, und die anderen Jungs machen gern mit.

Was ich fast noch schöner finde – die Entschleunigung ist auch bei meinem Wirbelwind-Kind angekommen. Er sitzt von dem Fenster und beobachtet Vögel mit Fernglas und Kamera. Heute hatten wir Stare zu Besuch, aber da wir schon seit langem ganzjährig Vögel füttern, haben wir ständig viele gefiederte Gäste zu Besuch. Buntspechte, Meisen, Gartenbaumläufer …. ich habe schon einiges gelernt. Leider habe ich sie noch nicht so vor die Linse bekommen, dass ich sie hier zeigen könnte.

Und wir haben ein neues Experiment ausprobiert, was in unserer Pfadfindergruppe uns empfohlen wurde:

Wir füllten in ein mittelgroßes Glas abwechselnd Sand und Komposterde. Dieses Glas soll nun Regenwürmer beherbergen, die wir später suchten. Unsere Suche war ein kleines Abenteuer, denn wiedererwartend fanden wir im Komposthaufen nix. Dafür entdeckten wir zwischen Steinen eine Mini-WG: eine kleine Nacktschnecke hat es sich mit ein paar Asseln in einer Nussschale gemütlich gemacht. Noch toleriere ich Nacktschnecken, aber eigentlich sind sie in meinem Garten erklärte Feinde. Endlich finden wir dann auch einen Regenwurm, der natürlich ins Glas umziehen muss. Noch ein bisschen Futter – in dem Fall Apfelschäler – rein, ihm soll es ja gut gehen. Und dann kühl stellen.
Und jetzt ein paar Tage warten. Keine Ahnung, was uns da bald blüht. Auf jeden Fall ist der Wurm drin. 😉

 

 

 

Mindestens genauso gespannt bin ich, wann unserer heimlich zugezogener Dauergast seine ersten Lebenszeichen von sich gibt. In einer Erdkuhle unter einen unserer vielen Holzstapel hat sich ein Igel sein Winterquartier gesucht. Ich bin total happy, dass er sich bei uns wohl fühlt und bald wird die Zeit kommen, wo er die vielen Schnecken in meinem Garten fressen darf.

Unterm Laub versteckt schläft unser Igel.

Tag 16 Meilensteine

Manchmal gibt es mitten in der Routine kleine Highlights, die beim näheren Hinsehen richtige Meilensteine sind. Zumindest für uns als Familie, besonders für mich als Mutter. Heute war so ein Tag.

Meilenstein 1:
Unser Jüngster hat den ganzen Tag ohne Windel und ohne nasse Unterhose geschafft. Damit werden wir demnächst zum windelfreien Haushalt zurückkehren.
Wir sind bei dem Thema bei den großen sehr entspannt gewesen. Bei beiden hat uns der Sommer sehr geholfen. Eine Woche “unten ohne” im Garten – und das Thema war durch. Unser Kleiner wollte schon im Winter gern ohne Windel und auch ohne Strumpfhose und überhaupt ohne Hose sein. Leider ist unser Haus dafür zu kühl, darum habe ich ihn immer wieder vertröstet. Jetzt wollte er – abgeguckt von den großen Brüdern – Schlüpfer (kennt ihr das Wort noch? 😉 ) anziehen. Und bis zum abendlichen Waschen blieb seine Unterhose trocken und sauber. Ich konnte ihm die Freude und Stolz darüber deutlich ansehen.

Meilenstein 2:
Kennt ihr das: der eine sagt oder tut was – und du weißt genau, wie der andere reagieren wird? Diese absehbaren Interaktionsmuster unter Geschwistern… ein leidliches Thema. Auch für uns. Das kann echt nerven. Besonders wenn man den ganzen Tag zusammen ist.
Ich suche immer noch Wege, wie gerade meine beiden älteren Söhne diesen Kreislauf durchbrechen können. Heute haben wir es geschafft. Zumindest einmal. Der eine provoziert, der andere ist beleidigt und eingeschnappt…. ihr kennt das, oder?

Uns ist als Familie wichtig, dass, wenn wir einen anderen verletzen, uns auch entschuldigen. Naja, das geht nicht immer so ganz freiwillig. Und dann muss ja auch die Bitte um Entschuldigung angenommen werden. Auch nicht immer so leicht.

Ich wollte auf diese Weise einen Zwist zwischen beiden Jungs klären, spürte aber deutlich, dass sie in dem Moment nicht wollten. Ich überlies ihnen den Zeitpunkt – ich muss ja nicht dabei sein.
Zufällig kam ich dazu, wie der eine dem anderen die Hand reichte und sich entschuldigte. Das war ein echter Mama-ist-gerührt-Moment. Und ich erlebte auch im selben Augenblick bei beiden Kindern eine Veränderung in ihrer Einstellung zu einander. Davon wünsche ich mir noch viel mehr.

Meilenstein 3:
Ich hatte heute “Ausgang”. Mittwochs ist bei uns nachmittags Papa-Zeit. Das heißt, Daniel arbeitet nicht, dafür darf ich nachmittags arbeiten. Diesmal nutzt ich die Zeit für eine kurze Flucht von zu Hause. Das ist in diesen Zeiten für mich echter Luxus. (Ich habe unser Haus zuletzt am Samstagmorgen zum Einkaufen verlassen). Ich bin zu einer meiner Lieblingsplätze gefahren und fand es richtig toll, das dieser Ort so menschenleer war. Für 1,5 Stunden einfach nur mal Mensch sein….

Tag 12: Weniger Optionen, mehr Freiheit

Ich lebe sehr gern in Berlin. Ein Grund dafür sind die fast unendlichen Möglichkeiten, die diese Stadt bietet. Angefangen von Cafés, in denen man wunderbar frühstücken kann, über Spielplätze, die wir zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen können, Restaurants – vietnamesisch, italienisch, griechisch – …. bis hin zu Museen, Parks und das unüberschaubare Angebot an Kultur. Jedes Wochenende könnte man irgendein anderes Event besuchen.

Diese Optionen fallen gerade alle weg. Und damit auch die Qual der Wahl. Zuhause bleiben oder etwas unternehmen? Und wenn ja was?

Oder ich würde sehr gern etwas unternehmen, aber es fehlt die Zeit. In dieser Situation finde ich mich häufiger wieder. Mit dem Folgegefühl, wieder mal was verpasst zu haben.

Das alles fällt gerade weg. Und damit auch die vielen Gedankenspiele und Erwägungen, die Energie brauchen. Stattdessen beschränken sich unsere Aktivitäten auf Haus und Garten. Es fühlt sich eigenartig frei an. Ich muss nicht jeden Tag neu entscheiden. Ich habe mich schon entschieden. Naja, oder die Regierung hat entschieden. 😉

Tag 11: Leben in der Blase

Ich lebe mit meiner Familie in einer “Blase”. Wir brauchten nicht lang für diese Entscheidung, uns war das recht bald klar, dass in Zeiten einer Pandemie Rückzug das einzige Vernünftige ist.
In unserer “Blase” ist es ziemlich gemütlich. Das hat viele Vorteile, denn es geht uns gut. Aber man kann in der “Blase” auch das Leben außerhalb vergessen. Teil unserer “Blase” ist eine Nachbarsfamilie, die auch ihre Außenkontakte auf das allernotwendigste reduziert hat, und unsere Kinder – zwischen fast 3 Jahren und 10  – kommen gut miteinander aus und haben zu anderen Kindern momentan keinen physischen Kontakt. Schon am Vormittag toben die Kinder durch unsere Gärten, sammeln Wanzen und leben in ihrer eigenen Fantasiewelt. Mittags wünschen sich die Nachbarskinder, dass sie bei uns Mittagessen dürfen. Ich freue mich über ihr Vertrauen zu uns, und bin echt happy, als ihr Vater mir sagt, dass ich ihm damit einen großen Gefallen tun würde. Er muss – wie die allermeisten – arbeiten. Ich freue mich, dass ich wenigstens so ein klein bisschen helfen und unterstützen kann, nicht nur mit Worten, sondern ganz praktisch.

Den Nachmittag verbringe ich mit den Kindern im Garten. Er ist nicht sonderlich groß, aber ich finde immer so viel, was zu tun ist. Gerade jetzt in der Garten-Hochsaison habe ich viele Ideen und Pläne, dass ich mich darin fast verlieren kann. Die Pflanzen brauchen Kompost und Düngung, aber auch Wasser, ich teile Stauden und verteile sie an verschiedenen Stellen. Mein Jüngster ist voll bei der Sache und hantiert mit herum. Ich habe keinen Bedarf, mich zu erkundigen, wie es um die Welt außerhalb meiner “Blase” steht.

Am Abend lese ich dann doch Nachrichten. Das erdet mich. Auch wenn es mir persönlich gut geht, heißt es nicht, dass alles gut ist. Meine Kinder müssen nicht mitbekommen, dass die Infektionszahlen hier in Berlin rapide steigen, auch nicht, dass in Italien allein in den letzten 24 Stunden 1000 Menschen an Corona gestorben sind. Ich selbst möchte jedoch mich davon nicht abgrenzen und einfach nur froh sein, dass diese schlimmen Dinge “so weit weg” sind. Ich bete. Für Regierungen, die unter enormen Druck stehen, viele und schwierige Entscheidungen treffen müssen, für Menschen, die in Krankenhäuser arbeiten und Betroffene. Ja, Not lehrt beten. Ich glaube aber tatsächlich, dass sich dadurch Situationen ändern.