Tag 21: Von Virenschleudern

“Och nö.” ist wohl der Satz, den ich in den letzten beiden Tagen am häufigsten gehört habe. Wenn drei Kinder gleichzeitig im Stimmungstief sind, dann braucht man Nerven aus Drahtseile und einen Plan raus aus dem Tief.
“Kinder, wir machen heute eine Fahrradtour.”
“Och nö, ich will hier bleiben.”
Alles klar,…. wir sind ja gerade echt wenig zu Hause 😉

In diesen Tagen bin ich einmal mehr der “Tourguide” durch unseren Alltag, ich sorge dafür, dass wir ein Mindestmaß an Struktur am Tag haben und ich entscheide auch darüber, was uns gut tut. Und das ist jetzt alle Mann raus.

Wie erwartet, kaum auf den Rädern, geht es uns allen besser. Wir leben schon seit 7 Jahren in dem Stadtteil, aber heute haben wir Ecken durchfahren, da waren wir noch nie. Mein Jüngster sitzt hinter mir und möchte gern bei jedem Spielplatz anhalten – und wir kommen an vielen vorbei. Das sind die Momente, wo mein Herz schmerzt, wie soll ein noch nicht mal dreijährigen erklären, dass das für seine Gesundheit gefährlich sein könnte.
Nachdem wir die Grenze zu Brandenburg passiert haben, machen wir eine Pause. Auf einer Bank. Das dürfen wir wieder seit dem Wochenende. In großem Abstand sitzt ein Mann auf einer anderen Bank. Es ist nicht viel los. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass jede Person, die man unterwegs trifft, ein “Unreiner” ist, dem man nicht zu nahe kommen darf. Es ist surreal, das man rausfährt um mal “Freiheit” zu schnuppern, und trotzdem muss man überall aufpassen, dass man nix anfasst oder falsch macht. Wenig später kommt ein Radfahrer um die Ecke gebogen und ruft mit humorvollem Unterton, während er an uns vorbeifährt: “Achtung, Virenschleudern.”

Wir lachen alle, und ich finde es echt gut, dass es in diesen Zeiten humorvolle Momente und Menschen gibt. Trotzdem ist es krass, dass jeder Mensch, dem man gerade begegnet, eine potentielle Gefahr ist. Und umgedreht ja auch – ich könnte andere anstecken.
Wie wird das den öffentlichen Umgang miteinander weiter prägen? Werden wir immer etwas skeptisch bleiben und Abstand halten?

Mir macht das (noch) nichts aus, ich bekomme meine Portion Nähe und Körperkontakt immer noch jeden Tag im Übermaß. Ich muss sogar Mama-Kuschel-Zeiten für jedes Kind reservieren und einplanen.

Gut getan hat uns die Tour trotzdem. Das “och nö” hörte ich danach fast nicht mehr.

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