Gefühlsmanagement

„Ich hasse Luos.“ sagte ein Mann, der Zuflucht auf dem Gelände einer Gemeinde gefunden hatte. Was er jedoch nicht wusste, der junge Mann, der ihm half mit den traumatischen Erfahrungen der vergangenen Tage fertig zu werden, war ein Luo.

Der Schmerz sitzt tief. Und es liegt viel Arbeit vor uns. Während die Rundum-Versorgung von 300 Flüchtlingen auf einem Gemeindegelände im vollen Gang ist, kann ich endlich das tun, was mir auf dem Herzen liegt: Seelsorge an traumatisierten Menschen. Der Ort scheint friedlich zu sein. Kinder spielen miteinander im Schatten der Bäume und Frauen waschen ihre wenigen Kleidungsstücke, die sie noch besitzen und reden miteinander.
Doch dann beginnen wir in organisierten Gruppen mit Kindern, Frauen und Männern zu reden. Die Spielregeln sind einfach:
Was fühlst du?
Was denkst du?
Was machst du?
Die Antworten auf die Fragen offenbaren Wut, Schmerz und Enttäuschung. Kinder erzählen, wie sie ihr Haus haben abbrennen sehen und verstehen nicht, warum sie nicht mehr zurück können oder ihre Eltern nicht zurück wollen. Manche von ihnen wollen gar nicht reden, sie sind schüchtern. Vielleicht liegt es auch an der weißen Frau, die zwar nichts versteht, was sie in Swahili erzählen, dafür aber um die Atmosphäre in der Gruppe sehr bemüht ist. Die, während sie erzählen, betet, dass keine bleibenden Verletzungen in ihren Herzen Spuren hinterlassen. Und in ihrer Generation die kenianischen Volksstämme das Kriegsbeil endlich begraben haben.

Klamottensuche
Auf der Suche nach neuen Klamotten.

Waesche waschen
Waeschetrockner.

Übernatürliche Gerechtigkeit?!

Wir wollten es nicht glauben, doch heute haben wir es schwarz auf weiß: in Mombasa geschieht Übernatürliches. Während der ganzen Unruhen wurden auch in Mombasa zahlreiche Geschäfte ausgeraubt. Jetzt bringen die Diebe den geklauten Kram zurück: sie kommen mit Betten, Radios, TV’s, Kühlschränken oder einzelnen Brettern.
Warum? Sie können nachts nicht schlafen, hören Stimmen, die Bestrafung androhen. Andere haben Magenprobleme, weil die geklaute Cola getrunken haben. Ein Mann starb mit dem gestohlenen Fernseher in den Händen. Erinnert mich irgendwie an Berichte aus der Bibel (Apostelgeschichte 5). Was geht den hier vor sich? Wer hat da seine Hände im Spiel?
Wieder sind wir mit unserem aufgeklärten, deutschen Latein am Ende. Derartige Ereignisse kamen in unseren fast 30 Jahren noch nicht vor. Aber das hat ja nichts zu sagen (siehe Apostelgeschichte 5) …

Ein Land kehrt um

Ein anderer Teil des nationalen Gebetstages war das Treffen von Pastoren und Leitern aller Denominationen aus ganz Kenia. Erzbischhöfen der anglikanischen Kirche nahmen genau so teil wie Baptistenpastoren, Oppositionsführer Raila Odinga oder zwei deutsche, die Ohren und Augen weit offen hielten.
Die geistlichen Führer wollen Frieden im Land, aber nicht nur das. Sie sind über ihre eigenen Fehler erschüttert und gaben zu, Schuld auf sich geladen zu haben.
So haben diejenigen, die mit der Regierung in Verbindung stehen vor allen Anwesenden bekannt, versagt zu haben, in dem sie nicht das redeten, was richtig gewesen wäre, sonder das, was die Politiker hören wollten.
Und auch hier baten Kikujus und Luos gegenseitig um Vergebung. (Die beiden Ethnien sind die Hauptbetroffenen der politischen Auseinandersetzungen). Sie lagen voreinander und vor Gott auf Knien – nicht als symbolischer Akt, der eine positive Außenwirkung darstellt, sondern aus tiefsten Herzen. Uns hat es sehr bewegt, Pastoren und Bischhöfen weinen zu sehen und Gott nicht nur um Vergebung zu bitten, sondern darum zu flehen. Das hat nicht so sehr mit afrikanischer Kultur zu tun, hier haben wir Zerbrochenheit und Schulderkenntnis erlebt – und hat uns tief getroffen.

Sehr nachdenklich und bewegt fuhren wir nach Hause. Und dann war es Zeit, den Fernseher ein zu schalten, denn es dort gleich weiter. Von 18.00 – 19.00 Uhr lief auf ALLEN Kanälen gleichzeitig „Peace & Prayer“ – eine Sendung, die von den geistlichen Leitern Kenias initiiert und gestaltet wurde. Bibeltexte wurden gelesen, zu Gebet auf gefordert und christliche Lieder gesungen.
Es scheint, das Kenia vor einem geistlichen Aufbruch steht. – Dabei gibt es hier schon 10 % ernsthafte Christen.

Wieder einmal haben wir viel Stoff zum Nachdenken, Reflektieren und Reden. Die Frage, was wir von Kenianern lernen können, wo hier doch alles ganz anders ist, erübrigt spätestens nach diesem Tag.

Fahne auf Halbmast

FotoWas macht ein Land, das unter dem Schock der letzen Tage steht, viel Gewalt und Blutvergießen gesehen hat und nicht weiß, wie es weiter geht?
Es betet.

Längst haben die führenden Christen erkannt, dass ihr Land nicht nur in einer politischen Krise steckt, sondern die Auseinandersetzungen auch eine geistliche Dimension haben. Also muss auch auf dieser Ebene gehandelt werden.
Aus diesem Grund riefen die geistlichen Leiter des Landen zu einem nationalen Gebets- und Fastentag auf. In jeder Gemeinde und jeder Kirche kamen gestern Menschen zusammen, um für ihr Land und die Bewohner vor Gott ein zustehen. So auch die Nairobi Chapel. Obwohl der Gottesdienst schon voll im Gang war, kamen immer noch Leute dazu, und die Sitzplätze reichten nicht.
Während noch mehr Stühle gestellt wurden, sangen und beteten wir, lagen Gott knieend in den Ohren, damit er Gnade schenkt und dem Schrecken ein Ende bereitet. Wir beteten für die vielen, die ihre Heimat verlassen mussten, für Menschen, die Angehörige verloren haben, für innere und äußere Heilung der vielen Verletzungen, die mit dem Ausbruch der Tumulten geschehen sind.

Sind wir hier richtig?
Nein, wir bereuen nicht, das wir gerade jetzt hier sind, es ist genau der richtige Zeitpunkt, um die Stärke und Größe der Leiter zu erleben. Wir sind unglaublich fasziniert, wie sie ihre „Schafe“ durch diese schwere Zeiten führen, und wie sie die Situation beurteilen. Dass Oscar seine Handynummer im Gottesdienst (mit 1500 Besuchern) öffentlich bekannt gibt, um uns gegenseitig über die Lage informieren können, ist nur eine Sache. Als Kikuju bat er um Vergebung für seine Volksgruppe. Er predigte sehr ernst und eindringlich. Anders als die Prominenten im Fernsehen, sagte er nicht, Kenianer seien ein friedliches Volk, sondern er forderte sie zur Umkehr auf, denn die Stammesrivalitäten fangen im Herzen an und nicht auf der Straße. Und auch nicht bei den anderen, sondern bei jedem einzelnen. Das ist für viele Kenianer ein Tabuthema, denn (wie auch oft in Deutschland) sind immer die anderen oder die Politiker Schuld.

Friedensverhandlungen zu Hause

Die Sicherheitslage im Land ist weiter angespannt. 150 m vor dem Tor (wie gut, dass es eines gibt) unserer Wohnsiedlung sahen wir gemeinsam mit unseren Nachbarn eine Ansammlungen von Menschen, die mit ihren Macheten nicht sehr freundlich aussahen.

Da wir keinen Selbstverteidigungskurs belegt haben und wir auch im Umgang mit Macheten ungeübt sind, zogen wir uns lieber in unser Haus zurück und verfolgten das Geschehen im Fernsehen weiter, während das halbe Wohnviertel weiter die Straße säumte.

Die Hauptstraße (Ngong-Road) vor unserer Wohnsiedlung führt direkt in die City Nairobis, und beides war für friedliebende Menschen ab heute Mittag nicht sicher. Menschenmassen machten sich auf den Weg zur Großkundgebung des Oppositionsführers Odinga, doch diese wurde dann auf Dienstag verschoben.

Während wieder eine Kirche in den Slums von Nairobi in Flammen steht, überlege und bete ich, wie ich diese Situation mit meinen bescheidenen Mitteln positiv beeinflussen könnte. Aus dem Haus zu gehen ist ab Mittag zu unsicher, mit unseren „Hamsterkäufen“ hatten am Vormittag nur teilweise Erfolg. Weder Käse noch Fleisch gibt es, dafür erstehe ich gemeinsam mit Jane im benachbarten Slum Tomaten, Eier und Kartoffeln. – Verhungern werden wir also nicht.

Am Abend verfolgen wir ein Interview mit einem Vertreter der Oppositionspartei (ODM). Jane ist am Schimpfen. „Er lügt!“ und andere Schimpfsalven lassen wir über uns ergehen. Dabei finden wir seine Äußerung gut, und er ist sichtlich um Frieden bemüht. Als wir Jane fragen, warum sie ihn so beschimpft, hat sie die einfache Erklärung: „Weil er zu ODM gehört.“
Ihr Weltbild ist einfach: alles wird in gut oder schlecht eingeteilt: Kibaki (PNU)= gut, Odinga (ODM) = schlecht. Woher soll sie auch differenzierter denken? Als 3.Tochter von 5, mit 13 die Schule aus Geldmangel abgebrochen und seit dem als Haushaltshilfe tätig, hat sie natürlich nur einen Hinterhof-Küche-Markt-Horizont. Darum erkläre ich ihr, dass die Unruhestifter genau so wie sie denken, und deswegen kämpfen. Um aber Frieden herzustellen muss man dem anderen zuhören und darf ihn nicht automatisch verurteilen, weil er der „falschen“ Partei angehört.
Plötzlich hält sie inne. Sie versteht – man kann nicht Menschen einfach so verurteilen, und schon gar nicht, wenn man Frieden will.
Und dann sagt sie zu mir: „Jetzt habe ich dich verstanden. Vielen Dank. Das hat mich getroffen. Gott segne dich. Du solltest das unbedingt deinem Pastor sagen und auch den Parteileitern. Das ist wichtig und sollen alle wissen.“ – Und ich schaue etwas verdutzt drein.

Ich glaube, sie hat wirklich verstanden, worum es ging und in ihrem Herzen hat sich etwas verändert. Wenn sie morgen ihre Freundin trifft oder mit anderen Menschen darüber spricht, dann wird sie anders reden als heute.

Was habe ich noch mal heute Morgen gebetet….?

Nairobi Update Donnerstag

Heute soll im Uhuru-Park im Stadtzentrum Nairobis die Grossdemonstration der Opposition stattfinden. Hier am Stadtrand bekommen wir derzeit wenig davon mit – ausser, dass kaum Autos in Richtung Stadt fahren.

In unserer Umgebung sieht es so aus: Kinder spielen Fussball (Schulen geschlossen), Supermarkt geoeffnet (wenn auch nur das halbe Tor) – drinnen ruhig und in den Regalen stellenweise gähnende Leere. Wir haben unseren Monatseinkauf diesmal wohlweisslich gleich am 1. Januar gemacht – so haben wir ziemlich alles bekommen. An den Geldautomaten steht man Schlange, wenn man nicht gleich früh am Morgen dort war.
Auf einen Bus habe ich vergebens gewartet, dafür fahren einige Matatus. Heute früh konnte ich frisches Brot kaufen, d.h. die Bäckereien arbeiten und die Zulieferer fahren es aus (zu uns kommt es per Fahrrad.)

Die Massnahmen der Kirchenleiter fangen auch an zu greifen. Sie sind oft im Fernsehen zu sehen und rufen zu Frieden, Gebet und Mitmenschlichkeit auf. In den Radiosendern die gleiche Nachricht. Die meisten hier wollen einfach keinen Bürgerkrieg, bisher haben sie friedlich miteinander gelebt. Das soll auch so weitergehen.

Nairobi – Update

Hilfsaktionen
Die Pastoren der Naiobichapel leiden sehr mit ihrem Land, sie beten und fasten teilweise seit etlichen Tagen. In unmittelbarer Nähe der Gemeinde wurden 300 Familien gefunden, die ihr zu Hause (Slum) verlassen haben, und wegen den Unruhen in freier Natur übernachten. Die Pastoren riefen die ganze Gemeinde auf Decken, Lebensmittel und Wasser zu spenden, worauf wir uns gleich am frühen Morgen in das Getümmel im Supermarkt stürzten und soviel Grundnahrungsmittel eingekauft haben, wie wir bezahlen und transportieren konnten.
Hier macht sich unser Wohnort absolut bezahlt: nicht zu nah am Stadtzentrum und den Slums (beides sollen wir derzeit meiden) – sowohl Gemeinde und Supermarkt sind im Umkreis von 1 km.

Schlechter Informationsfluss
Radio, Fernsehen und Zeitungen berichten absolut lückenhaft viel zu spät über die aktuelle Situation. Wir haben es erlebt, dass die Tageszeitungen Abends im Fernsehen ihre Berichte widerrufen haben. Glücklicherweise haben wir Gemeindemitglieder in allen Bereichen (Regierung, Opposition, Sicherheitsdienste, Wirtschaft, Parlament, Polizei und Armee), die uns auf dem Laufenden halten.

Was die Medien berichten

  • 75.000 Menschen mussten ihr zu Hause verlassen und hausen in Kirchen und in der Nähe von Polizeistationen.
  • In ländlichen Regionen wurden Kirchen mit den darin Zuflucht suchend Menschen niedergebrannt.
  • Morgen ist eine grosse Kundgebung der Oppostion in Nairobi geplant. Die Regierung will sie unterbinden. = erhebliches Konfliktpotenzial
  • Momentan gleicht das Stadtzentum Nairobis einer Geisterstadt. Geschäfte bleiben geschlossen, Autos und Menschen sind nicht zu sehen.
  • Alltag?
    Teilweise scheint es so, als käme der Alltag wieder. Am 1. Januar um 7.30 Uhr kam bei uns die Müllabfuhr, heute wurden in unserem Estate (Viertel) die Strassen gekehrt. An den leeren Obst- und Gemüseständen erkennen, dass Versorgungsketten nicht funktionieren. Dennoch haben Supemärkte geoeffnet, die Busse fahren und wir sind im Internetcafe. Morgen sollte offiziell unser erster Arbeitstag sein. Wir bezweifeln, dass es dazu kommt. Stattdessen werden wir wohl – wie gestern schon – bei der Hilfsaktion der Nairobichapel mitarbeiten.
    Es bleibt also weiter spannend.

    Zum Weiterlesen:
    Die ausländischen Nachrichtenagenturen stellen die Lage als sehr ernst dar und weitaus realistischer als die Agenturen im Land. Darum seid ihr wahrscheinlich besser infomiert, als die Leute hier.

  • Die Zeit
  • Spiegel-online
  • Hallo liebe Leute in Deutschland!

    Wir wünschen Euch alle ein gesegnetes Jahr 2008 und großartige Erlebnisse mit Gott, sei es in Familie, Gemeinde oder Beruf.

    Sicherheit
    Aus gegebenen Anlass möchten wir euch kurz über die Situation im Land informieren. Zuerst vorweg: uns geht es gut, wir haben, was wir zum Leben brauchen und sind zu Hause in Sicherheit.

    Randale nach Wahl
    Nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse hat sich die Situation hier zugespitzt. Die Opposition zweifelt das Ergebnis berechtigterweise an, die Regierung ignoriert sämtliche Anfagen. Sie hat stattdessen den Präsidenten in einer Hau-Ruck-Aktion innerhalb von einer Stunde eingesetzt und sagt, die Opposition solle den Rechtsweg einhalten und das Ergebnis so bestreiten. Bis so eine Petition hier durch ist, vergehen aber locker 5 Jahre. Das ist also ein kaum gangbarer Weg für den Herausforderer.
    Die Stimmung im Land ist daraufhin hochgekocht, es gibt Randale, brennende Autos und Häuser – und mittlerweile über 100 Tote. Sämtliche Geschäfte sind geschlossen, in einigen Gebieten gibt es nichts mehr zu essen. Die Straßen sind – bis auf die Randale – leergefegt.

    Was tun die Kirchen?
    FotoGestern war ich bei einem Treffen sämtlicher Kirchen- und Gemeindeleiter von Nairobi inkl. dem Erzbischof der kath. Kirche, den Leitern der angl. Kirche …
    Wir haben eine Presseerklärung diskutiert und abgegeben, mit der man als Christenheit geschlossen das Land zu Frieden aufruft sowie die Parteien an einen Tisch bringen will. Die wurde prompt im Radio und TV ausgestrahlt.

    Außerdem wurden 4 Taskforces gebildet, die sich sofort um die aktuelle Situation kümmern:

  • Politik: Mediation
  • Sozial: Hilfe für Opfer, Kirchen- und Gemeindegebäude sind offen, bieten Obdach und Grundversorgung
  • Geistlich: 1.1. als Gebets- und Fastentag, Nationales Leitertreffen (Gebet) am Sonntag in Nairobi, um Einigkeit und Frieden dem Land mit Hilfe der Medien zu zeigen
  • Medien: spielen derzeit eine Schlüsselrolle, sie sollen Ruhe und Frieden verbreiten sowie objektive Tatsachen senden, der Informationsfluss muss sichergestellt werden, christliche Künstler sollen das Land zu Frieden und Einheit aufrufen – sie haben Einfluss und sollen zu Wort kommen.
  • Bitte mit betet um:

  • Weisheit für alle Beteiligten (politische, wirschaftliche und geistliche Leiter)
  • Frieden (Nachbarn haben jahrelang friedlich zusammengelebt, jetzt plötzlich nicht mehr?)
  • Gelingen des nationalen Leitertages am Sonntag (Einheit der Christen zeigen, positiver Einfluss auf das Land)
  • Hilfe für die Opfer der Randale
  • Deeskalation der Situation
  • Wir versuchen euch weiter auf dem Laufenden zu halten, können dies aber nicht versprechen, da wir abhängig vom Internetcafe sind. Das bedeutet, wenn die Sicherheitslage noch ernster wird, sollten wir unser Haus nicht verlassen, und die Internetcafes haben auch geschlossen.