Was eine Predigt alles bewirken kann

Er fährt einen Toyota Landcruiser, der so hoch ist, das man hinaufklettern muss um reinzukommen. Er trägt Hemden mit Manschettenknöpfen, sein Bauch und seine gepflegte Erscheinung verraten, dass er nicht zur kenianischen Durchschnittsbevölkerung gehört. Er ist Geschäftsmann und Farmer, hat Frau und drei Kinder, ist Christ und Gemeindemitglied. Die Predigt am Sonntag hat ihn herausgefordert. Er weiß, dass er Verantwortung gegenüber den Armen und Geflohenen seines Volkes hat. Die will er nun als ehrenamtlicher Helfer wahrnehmen. Und nun sitze ich in seinem Toyota neben ihm, wir sind auf dem Weg zu einem Flüchtlingslager und er sagt mir: „Ich habe Angst. Ich weiß nicht, was ich dort sagen soll.“

Wir sind unterwegs als ein Team von Seelsorgern und ehrenamtlichen Helfern von der Gemeinde. Unser simpler Auftrag ist: zuhören, ermutigen, verstehen. Bei den Flüchtlingen angekommen teilen wir uns in kleine Teams auf und ziehen los. Wir hören Lebensgeschichten, sehen Menschen auf gepackten Taschen bzw. Säcken sitzen. Ein neun Monate alter Junge schläft auf der Tasche seiner Mutter, denn Matratzen gibt es nicht. Alle hoffen nur auf das eine: bald zurück in der Heimat zu sein.

Drei Stunden später treffe ich meine meinen „Chauffeur“ wieder. Obwohl er noch kein Wort gesprochen hat, sehe ich ihm an: er ist schockiert. Das Wasser steht ihm in den Augen und er schüttelt den Kopf. So etwas hat er noch nicht gesehen. Da, wo während Landwirtschaftmessen Tiere untergebracht sind, hausen nun Menschen. Es sind Boxen für Pferde und Kühe mit einem notdürftigen Dach.

Zurück im Auto sagt er zu mir: „Meine Probleme sind nichts im Vergleich zu denen der Leute hier. Sie haben gar nichts mehr, nicht mal eine Matratze, und wenn es regnet, werden sie nass.“

Nach dieser Erfahrung kann nicht länger in seiner heilen Welt leben und alles andere ignorieren. Er will helfen und handeln, am besten heute noch.

Obwohl er mir etwas Leid tut, freue ich mich. Genau solche Leute braucht Kenia. Die ihr gut bewachtes Grundstück verlassen und sich der Verantwortung stellen. Die ihre dicken Autos stehen lassen und losgehen. Was eine Predigt alles bewirken kann….

Matatu – modern wie noch nie

Heute bin ich im modernsten Matatu gefahren, das ich bisher gesehen habe. Woran ich das merke? Im Armaturenbrett funktionierten volle drei Anzeigen: Tacho, Tankanzeige und Temperaturanzeige. Das gibt es nicht.

Weitere Vorteile: es war schnell. Im Stau hat es alle anderen überholt, naürlich auf der Gegenfahrbahn. Dass ein Geländewagen ein ziemliches Ausweichmanöver in die Büsche machen musste, nimmt man in Kauf. Imponiert hat mir dagegen der nach ihm kommende VW-Fahrer: der hat voll draufgehalten – und so mein Matatu auf seine Spur gezwungen. Natürlich erst, als beide Stossstange an Stossstange dastanden.

Sonst war im Matatu alles beim Alten: gerammelt voll, der Kassierer verlangt einen höheren Preis (hat er aber nicht bekommen :-)), der Sitznachbar fast auf meinem Schoss, Hitze, Schweiss… Das muss ich den Rucksack mit Computer schon festhalten…

Wie geht es weiter?

Am Montag haben wir ein Interview bzw. Bericht von BBC angehört, der uns schockiert hat. Eine britische Reporterin hat 18-jährige Männer in den Krisenherden befragt. Die Antworten waren erschütternd. Einer der Befragten zündete die Häuser seiner Nachbarn an, und er will es auch wieder tun. Seine Worte waren nur so von Hass erfüllt. Er ist überzeugt, das er das Richtige tut. Und er bekommt auch Unterstützung von den Ältesten der Stadt. So lange sie nicht intervenieren, wird die Gewalt weitergehen, denn sie haben die Macht über die Menschen. Begründet wird die Gewalt damit, das die Kikujus von der Kibaki-Regiergung die letzten 5 Jahre bevorzugt wurden. Doch in meinen Augen ist das mehr als fragwürdig, denn die Nutznieser der korrupten Regierung leben nicht in Nakuro oder Eldoret. Es sind nicht die einfachen Menschen, sondern Regierungsbeamte, die wahrscheinlich hier in Nairobi leben, wo es relativ sicher ist.

Was tut die Nairobi Chapel?
Das geplante Programm läuft nun an, eine Webside zu dem „Caravan of Hope“ ist in Arbeit (die Daniel verantwortet), das Gelände der Gemeinde wird für Flüchtlinge vorbereitet und mit den wichtigen Kirchenvertretern gesprochen. Von USA und Australien sind bereits Großspenden eingetroffen, damit der „Caravan of Hope“ realisiert werden kann.
Da wir uns in Nairobi nach wie vor frei und sicher bewegen können, können sich die Pastoren ihren Aufgaben voll widmen. Ein neues Büro wird gerade eingerichtet, damit die für die Aktion freigestellten Leute Raum und Arbeitsmittel haben.

Brauchen wir Hilfe?
Weiter für uns zu beten ist eine gute Sache. Daniel arbeitet nun eng mit Oscar zusammen, und er sorgt immer dafür, dass man mehr als genug Arbeit hat.

  • Außerdem redet er schon seit Wochen davon, dass wir einen mobilen Internetempfang haben müssen, wo wir E-Mails von zu Hause abrufen können. Das ist sehr wichtig, damit der Informationsfluss gewährleistet ist und Daniel im Internet recherchieren und arbeiten kann. Das bedeutet aber, dass wir monatlich noch mehr Kosten haben, wo unser Budget schon sehr knapp ist und wir seit diesem Monat unsere Haushaltshilfe voll bezahlen müssen.
  • Desweiteren macht sich zunehmend unsere mangelnde Mobilität bemerkbar. Wir sind bisher mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, doch auch das ist nicht immer zuverlässig, und auch sehr zeitraubend. Ein Auto würde unsere Arbeit sehr erleichtern und uns auch mehr Sicherheit geben.

    Ja, wir brauchen Hilfe.

  • Upside down

    Foto„Nichts ist so alt wie der Blogeintrag von gestern.“ Wir können uns gut vorstellen, dass die folgenden Zeilen etwas verwirrend sind. Gestern noch grosse Visionen für neue Gemeinden, heute grosse Flüchtlingsaktionen.

    Aber jetzt mal der Reihe nach. Die Situation im Land ist alles andere als ruhig. Täglich sehen wir Bilder von Mord und Totschlag. Dank Oscars Beziehungen zu Journalisten bekommen wir noch einige Hintergrundinformationen und für die Oeffentlichkeit zensierte Bilder zu Gesicht. Die Realität ist erschütternd, Menschen werden bei lebendigem Leib verbrannt. Auch wenn die Politiker sich symbolisch die Hand reichen, nehmen viele immer noch Macheten zur Hand. Es scheint, als können die Politiker bei den einfachen Menschen kaum etwas bewirken.

    Wie kann eine Gemeinde da tatenlos zusehen und scheinbar unbeirrt ihre grossen Visionen weiter verfolgen? Im spontan eingerufenen Mitarbeitertreffen wurden gestern die Pläne auf den Kopf gestellt – upside down.

    Für die nächtsten 3 Monate herrscht nun Ausnahmezustand. Sämtliche Programme, Pläne und Visionen werden ausgeschoben. Nairobichapel antwortet. Und ergreift die Initiative.

    Es gibt jetzt nur noch drei Teams für folgende Bereiche:

  • Gottesdienste
  • Die Sonntagesgottesdienste werden fortgeführt. Sie geben Orientierung und Zuversicht.

  • Flüchtlinge
  • FotoDas Grundstück von Nairobichapel ist groß genug, um einige Hundert Flüchtlinge aufzunehmen. Bis jetzt sahen wir uns dazu nicht veranlasst, weil sich das Rotes Kreuz und die Regierung darum gekümmert haben, die sich jetzt zurückziehen. Das wird eine grosse Herausforderungen: sicherheitstechnisch (unsere Zelte sind leicht abzufackeln, die Zäune halten nicht wirklich) und logistisch (wir haben kein Wasser, nur 10 Toiletten, keine Duschen oder Waschräume).

  • Medienwirksame Grossveranstaltungen
  • Das derzeitige Machtvakuum im Land schafft Raum für Anarchie. Hier sieht Nairobichapel ihre Aufgabe, Orientierung und Leitung auf nationaler Ebene zu geben. Detailliertere Informationen werden wir in den nächsten Tagen hier veröffentlichen. Nur schon mal vorab: es wird einen „Caravan of Hope“ (Friedensmarsch) geben, der, angeführt von 500 Pastoren und Gemeindeleitern, durch das ganze Land zieht.

    PS: Auf der Internetseite des Stern gibt es eine interessante Fotostrecke über die Situation in Kenia.

    Hilfe, ich soll eine Gemeinde gründen!

    Wenn ab sofort die Blogeinträge sehr rar werden, dann liegt es einfach daran, dass wir mit Arbeit nur so zu geschüttet wurden und werden. Von wegen, Afrikaner haben das Arbeiten nicht erfunden.
    Ich habe 1 1/2 Tage gebraucht, um zu realisieren, was mit mir nach dem Zielfindungstreffen im Bereich Mission und Vision widerfahren ist. Und das ist es:

    Ich soll bis Ende diesen Jahres
    eine Gemeinde im Stadteil Lavington gegründet haben,
    dafür sorgen, dass 10.000 Leute dieses Jahr von Jesus hören,
    nebenbei Geld eintreiben für eine Reise nach China zu den Olympischen Spielen (Missionseinsatz) und
    13 Missionseinsätze mit organisieren, (z.T. im Ausland).
    Und das alles soll mit Exzellenz (d.h. Professionalität), Spaß und ohne Burn out geschehen.

    Natürlich bin ich damit nicht allein – Jeff ist auch noch mit in meinem Team.

    Nebenbei ist es „Pastorenpflicht“ jeden Tag richtig gut auszusehen, am besten im Kostüm (wenn ich nur wüsste, wo ich so was in Ermangelung an Zeit und Geld herbekomme) und selbstverständlich pünktlich zu den Meetings zu erscheinen, das Handy vorher(!) ausgeschaltet, und die Pflichtliteratur gelesen, verstanden und verarbeitet haben.

    Teambuilding 2

    Nun steht es fest, wer zu unserem Team gehört: 8 Leute (+ Oscar als Leiter) von 4 verschiedenen Kontinenten, 4 Männer, 4 Frauen. Das bedeutet, wir müssen uns erstmal zusammenraufen. Ein guter Leiter macht noch nicht automatisch ein gutes Team. Darum verbringen wir gerade viel Zeit miteinander, jeder „darf“ eine Stunde über sich, seinen Werdegang, seine Vorlieben, Schwächen und Hobbies erzählen. Wenn wir das gemacht haben, werden wir uns Ziele für das kommende Jahr ausdenken. Oscar hat den Plan, einige Gemeinden hier in Nairobi zu gründen. Ende des Jahres werden sollen die ersten begonnen sein… Klingt in deutschen Ohren etwas mutig, aber es scheint hier realistisch zu sein.

    Alles beim Alten?

    Es bleibt weiter spannend – sowohl im Land als auch bei uns in der Chapel. Auch wenn die internationalen Medien kaum noch über Kenia berichten, so sind wir keineswegs bei der Normalität angelangt.

    FotoGestern erfuhren wir, dass eine „Zufluchtsstätte“ für hunderte Flüchtlinge ganz in der Nähe von uns geschlossen werden soll. Das ist sehr dramatisch, denn die Leute haben kein zu Hause und sind aufgrund ihrer Stammeszugehörigkeit nicht mehr sicher. Es sind viele Kinder dabei. Warum die Regierung das entschieden hat, wissen wir nicht.

    Jeden Tag berichten die Medien von weiteren Toden und Verletzten, und wir sind in der Gefahr, uns daran „zu gewöhnen“. Aber gerade in den Slums bleibt die Lage weiter kritisch, da es kaum Nahrung gibt, diese teuer ist, und die Menschen auf engstem Raum leben.

    Andererseits erleben wir bis auf wenige Ausnahmen einen „normalen“ Alltag. Der Verkehr rollt (wenn auch langsam), die Geschäfte haben geöffnet und sämtliche Massenkundgebungen wurden immer wieder abgesagt. Der verspätete Regen tut dem Land gut, er kühlt die Hitzköpfe etwas ab. Und das Laufen auf der Straße bei Regenwetter wirklich kein Vergnügen ist, gibt es kaum Randale.

    Die Chapel hat begonnen Seelsorger und Helfer zu schulen, um die traumatisierten Menschen zu betreuen. Oscar hielt am Sonntag eine eindringliche Predigt über Stammesrivalitäten – und die Leute kommen. Sie suchen Orientierung. Nach dem Gottesdienst stand eine Traube von Menschen um den Tisch, wo man die Predigt-CDs bestellen kann. Wir erleben, dass die Menschen wirklich Orientierung suchen – und hier können sie diese finden.

    Gefühlsmanagement

    „Ich hasse Luos.“ sagte ein Mann, der Zuflucht auf dem Gelände einer Gemeinde gefunden hatte. Was er jedoch nicht wusste, der junge Mann, der ihm half mit den traumatischen Erfahrungen der vergangenen Tage fertig zu werden, war ein Luo.

    Der Schmerz sitzt tief. Und es liegt viel Arbeit vor uns. Während die Rundum-Versorgung von 300 Flüchtlingen auf einem Gemeindegelände im vollen Gang ist, kann ich endlich das tun, was mir auf dem Herzen liegt: Seelsorge an traumatisierten Menschen. Der Ort scheint friedlich zu sein. Kinder spielen miteinander im Schatten der Bäume und Frauen waschen ihre wenigen Kleidungsstücke, die sie noch besitzen und reden miteinander.
    Doch dann beginnen wir in organisierten Gruppen mit Kindern, Frauen und Männern zu reden. Die Spielregeln sind einfach:
    Was fühlst du?
    Was denkst du?
    Was machst du?
    Die Antworten auf die Fragen offenbaren Wut, Schmerz und Enttäuschung. Kinder erzählen, wie sie ihr Haus haben abbrennen sehen und verstehen nicht, warum sie nicht mehr zurück können oder ihre Eltern nicht zurück wollen. Manche von ihnen wollen gar nicht reden, sie sind schüchtern. Vielleicht liegt es auch an der weißen Frau, die zwar nichts versteht, was sie in Swahili erzählen, dafür aber um die Atmosphäre in der Gruppe sehr bemüht ist. Die, während sie erzählen, betet, dass keine bleibenden Verletzungen in ihren Herzen Spuren hinterlassen. Und in ihrer Generation die kenianischen Volksstämme das Kriegsbeil endlich begraben haben.

    Klamottensuche
    Auf der Suche nach neuen Klamotten.

    Waesche waschen
    Waeschetrockner.

    Übernatürliche Gerechtigkeit?!

    Wir wollten es nicht glauben, doch heute haben wir es schwarz auf weiß: in Mombasa geschieht Übernatürliches. Während der ganzen Unruhen wurden auch in Mombasa zahlreiche Geschäfte ausgeraubt. Jetzt bringen die Diebe den geklauten Kram zurück: sie kommen mit Betten, Radios, TV’s, Kühlschränken oder einzelnen Brettern.
    Warum? Sie können nachts nicht schlafen, hören Stimmen, die Bestrafung androhen. Andere haben Magenprobleme, weil die geklaute Cola getrunken haben. Ein Mann starb mit dem gestohlenen Fernseher in den Händen. Erinnert mich irgendwie an Berichte aus der Bibel (Apostelgeschichte 5). Was geht den hier vor sich? Wer hat da seine Hände im Spiel?
    Wieder sind wir mit unserem aufgeklärten, deutschen Latein am Ende. Derartige Ereignisse kamen in unseren fast 30 Jahren noch nicht vor. Aber das hat ja nichts zu sagen (siehe Apostelgeschichte 5) …

    Ein Land kehrt um

    Ein anderer Teil des nationalen Gebetstages war das Treffen von Pastoren und Leitern aller Denominationen aus ganz Kenia. Erzbischhöfen der anglikanischen Kirche nahmen genau so teil wie Baptistenpastoren, Oppositionsführer Raila Odinga oder zwei deutsche, die Ohren und Augen weit offen hielten.
    Die geistlichen Führer wollen Frieden im Land, aber nicht nur das. Sie sind über ihre eigenen Fehler erschüttert und gaben zu, Schuld auf sich geladen zu haben.
    So haben diejenigen, die mit der Regierung in Verbindung stehen vor allen Anwesenden bekannt, versagt zu haben, in dem sie nicht das redeten, was richtig gewesen wäre, sonder das, was die Politiker hören wollten.
    Und auch hier baten Kikujus und Luos gegenseitig um Vergebung. (Die beiden Ethnien sind die Hauptbetroffenen der politischen Auseinandersetzungen). Sie lagen voreinander und vor Gott auf Knien – nicht als symbolischer Akt, der eine positive Außenwirkung darstellt, sondern aus tiefsten Herzen. Uns hat es sehr bewegt, Pastoren und Bischhöfen weinen zu sehen und Gott nicht nur um Vergebung zu bitten, sondern darum zu flehen. Das hat nicht so sehr mit afrikanischer Kultur zu tun, hier haben wir Zerbrochenheit und Schulderkenntnis erlebt – und hat uns tief getroffen.

    Sehr nachdenklich und bewegt fuhren wir nach Hause. Und dann war es Zeit, den Fernseher ein zu schalten, denn es dort gleich weiter. Von 18.00 – 19.00 Uhr lief auf ALLEN Kanälen gleichzeitig „Peace & Prayer“ – eine Sendung, die von den geistlichen Leitern Kenias initiiert und gestaltet wurde. Bibeltexte wurden gelesen, zu Gebet auf gefordert und christliche Lieder gesungen.
    Es scheint, das Kenia vor einem geistlichen Aufbruch steht. – Dabei gibt es hier schon 10 % ernsthafte Christen.

    Wieder einmal haben wir viel Stoff zum Nachdenken, Reflektieren und Reden. Die Frage, was wir von Kenianern lernen können, wo hier doch alles ganz anders ist, erübrigt spätestens nach diesem Tag.