Wieder alles beim Alten?

Heute Morgen um 2.45 Uhr mussten wir sie leider auf dem Flughafen verabschieden, unsere jungen Gäste aus Lindlar. Sehr schade! Sie waren eine so liebe, pflegeleichte Truppe, dass wir sie fast adoptiert hätten.

Und wir überlegen weiter, ob wir nicht umsatteln sollten auf Reiseleiter für deutsche Touristen. Mittlerweile haben wir Erfahrung, wie man 10 Deutsche unbeschadet von Nairobi nach Mombasa bringt, inklusive Matatufahrten, und dass man bei Kotztüten darauf achten muss, dass sie keine Löcher haben. Wir haben unseren Handel-Sport auf dem Markt und sonstigen Geldausgaben so vervollkommnet, dass unsere Gäste mittlerweile weniger bezahlen als Einheimische (zumindest, wenn jemand am Strand Kamelreiten will). Auf den Souvenirmärkten kennen uns die Händler schon, und sprechen uns mit Namen an.
Außerdem kennen wir sämtliche öffentliche Toiletten in Nairobi, für die Durchfallerkrankten und zur Not können wir auch Ugali (Maisbrei) kochen. Daniel hat seinen Ruf als rasantester Matatufahrer weg und weiß jetzt auch, wo ein guter Arzt für Tropenkrankheiten ist (hat er selbst getestet letzte Woche).

Nebenbei wissen wir auch, wie es sich anfühlt, wenn während der Fahrt im Reisebus ein Reifen platzt, kennen das Korallenriff vor der Küste und wissen, wie man im Dunkeln ohne Licht Auto fährt (weil die neugekauften Glühbirnen für das Auto zu alt sind).

Kuriositäten

Noch ein paar kleine Kuriositäten von unserer Dienstreise

  • die häufigste Frage, die uns gestellt wurde war: „Seid ihr Geschwister?“ und „Was, ihr seid schon 6 Jahre verheiratet?“ (Kenianer/innen heiraten viel später.)
  • Wir haben ein afrikanisches Equivalent zu Bratwurstschnecken von Aldi gefunden: Schlange fangen, aufrollen und auf den Grill legen
  • in einem „Restaurant“ bestellte Daniel Pommes, bekam jedoch Pommes UND Würstchen, was ihn sehr erfreute, bis der Ober wieder kam, (Daniel aß bereits) die Würstchen mit einer Gabel wegnahm, sie auf einen anderen Teller legte und sie dem Herrn am Nachbartisch servierte
  • als Mittagessen bekamen wir in Eldoret ein Lunchpacket, mit einem Hühnerbein, an dem mehr Federn als Fleisch war – ich habe nach diesem Anblick freiwillig gefastet
  • zur Pinkelpause machten wir an einer Polizeistation mit unseren 6 Bussen halt, wo es für Frauen wie Männer jeweils nur ein Toiletten-Loch im Boden gab – die Pause zog sich bei mehreren hundert Leuten dementsprechend lang hin
  • Toilettentüren lassen sich prinzipiell nicht schließen, und wenn, dann macht es keiner – ist fürs Gemeinschaftgefühl besser
  • Was hat Msafara – Caravan of Hope erreicht?

    Die jetzigen Fakten lesen sich folgendermaßen:

  • 65 Tonnen Lebensmittel wurden verteilt
  • 5 LKWs haben Kleidung und Hygieneartikel wie Seife, Zahnbürsten… in die 5 Städte gebracht
  • 300 Ehrenamtliche – unter ihnen viele Pastoren – sind mit dem Konvoi 10 Tage unterwegs gewesen
  • in allen 5 Städten haben sich die Kirchen- und Gemeindeleiter versöhnt
  • Die Geschichte wird zeigen, was Msafara darüber hinaus erreicht hat. Fakt ist, dass die Christenheit zueinander gefunden hat. Heilung braucht natürich Zeit – die Anfänge sind aber gemacht und neue Gleise gelegt.

    Im Abschlussgottesdienst wurde deutlich, dass wir als Mitarbeiter nicht nur gegeben, sondern selber von Msafara profitiert haben. Für mich ist es im Rückblick überwältigend, was wir innerhalb von 6 Wochen aus dem Boden gestampft haben. Das Tempo war atemberaubend. Mein Schlafdefizit ist im gefühlten dreistelligen Bereich. Jetzt haben wir erst mal frei – für zwei Tage. Am Donnerstag ist die Auswertung und der Abschluss dran. Gemeinsam mit Gedion habe ich das Msafara-Büro begonnen; wir werden es wohl auch schließen – wahrscheinlich erst nächste Woche.

    Faszinierend in den letzten 6 Wochen war für mich:

  • wie innerhalb von wenigen Tagen ein zusammengewürfeltes Team zusammengefunden hat
  • wie Oscar die anderen starken Leiter auf ein Ziel fokussiert hat und sie immer wieder „zurückfokussiert“ hat
  • die ausgesprochen professionelle Vorgehensweise (z.B. im Umgang mit den Medien)
  • wie Strategie und Improvisation Hand in Hand gehen
  • die logistische Meisterleistung: Unterkunft und Transport für 300 Personen; Busse, Gästehäuser, Verpflegung, LKWs, bewaffneter Begleitschutz…
  • außergewöhnlich hohe Arbeitsbelastung und Spaß dabei
  • das Tempo: wir hatten nur 4 Wochen Vorbereitungszeit, bevor sich der Konvoi in Bewegung setzte, täglich neue Entwicklungen, neue Herausforderungen
  • bei hohem Tempo das Ziel im Auge behalten und gleichzeitig Details nicht übersehen
  • an der Geburt der großen Vision bis zu ihrer Vollendung (endlich einmal) mitzuwirken und dabei Gottes Handeln hautnah zu sehen
  • das hohe Maß an Eigenverantwortung – Zitat: „Don’t wait for a decision from a commitee – get the job done!“ (Warte nicht, bis ein Kommittee die Entscheidung trifft – erledige die Arbeit.“)
  • Fotos gibt es natürlich im Überfluss, die besten sind hier zu sehen.

    Wow, igendwie fehlen mir die passenden Superlative um mein Erleben angemessen zu beschreiben.

    Was Gott tut – und was wir tun

    Unsere Msafara – Tour geht dem Ende entgegen und es wird höchste Zeit, Euch, liebe Leser, zu berichten, was Gott während diesen Tagen getan hat.

    Nakuru
    Hier ist das erste Wunder geschehen. Zerstrittene Pastoren und eine gespaltene Christenheit haben wieder zueinander gefunden. Noch an dem Tag unserer Ankunft und des ersten Treffens hörten wir Saetze wie „Wir brauchen kein Gebet, wir brauchen Essen.“ Die Atmosphäre war mehr als angespannt, und unser Gebetsteam, dass die ganze Zeit für die Treffen und die Leute betete, hatte richtig viel zu tun. Während die Helfter in die Flüchtlingscamps gingen, kämpften unsere Leiter und Beter an der geistlichen Front. – Wir brauchten also ein Wunder – und Gott tat es.
    Am nächsten Tag nach einer schlaflosen Nacht fand das nächste Treffen mit den Pastoren von Nakuru statt – und es passierte Unglaubliches. Der Bischof der Stadt stand auf, redete sehr eindringlich, dann predigte Oscar, darauf folgte eine Gebetszeit mit Simon, unserem Gebetsleiter – und Gott veränderte die Herzen der Pastoren. Wir feierten zum Schluss gemeinsam das Abendmahl, segneten einander und bekamen eine Enladung, wieder in die Stadt zu kommen.

    Eldoret
    Auch hier fanden wieder Pastorentreffen statt und wurden Flüchtlingslager besucht.
    Während eines Gottesdienstes für die Fluechtlinge übergaben ca. 30 von ihnen Jesus ihr Leben, viele (fast alle) nahmen Gebte für Vergebung und Heilung in Anspruch. – Viele weinten, manche brachen zusammen – es war sehr bewegend.
    Zur selben Zeit am anderen Ort baten Pastoren sich gegenseitig um Vergebung und wuschen sich als Zeichen der Versöhnung gegenseitig die Füße.
    Am nächsten Tag fand ein Open Air Gottesdienst vor dem Rathaus statt. Ca. 2000 Leute kamen und beten gemeinsam für ihren geschundenen Ort – für Vergebung, Wiederherstellung und Regen. Wir verließen Eldoret gegen Mittag und am Abend bekamen wir die Nachricht: Gott hat Regen geschenkt und unsere Gebete erhört.
    Warum der Regen so wichtig ist? Gott ließ es zu alttestamentlichen Zeiten drei Jahre lang in Israel nicht regnen, bis Israel einsichtig wurde. Das gleiche geschah hier. Es hat dieses Jahr bisher kaum geregnet, und das in einer Gegend wo besonder viel Gewalt herrschte und die Menschen hauptsächlich von Landwirtschaft leben. Da jetzt Pflanzzeit ist, steht für die Bewohner ihre Existenz auf dem Spiel.
    Doch Gott hat unsere Gebete erhört, und hat Vergebung und Regen geschenkt. Wow, ist das nicht genieal?

    Wenn einem die Worte fehlen

    FotoNach Mombasa, Nairobi, Naivascha und Nakuru sind wir nun in Eldoret angekommen, dem Brandherd der Gewalt und Unruhen.

    Während die Sonne auf unserer über vierstündigen Hinfahrt glutrot hinter den Bergen verschwand wurden wir Zeugen der Verwüstung. Wir betraten die Fundamente abgebrannter Häuser, sahen niedergebrannte Autowracks – in mitten eines wunderschönen Sonnenuntergangs. Größer könnten die Gegensätze kaum sein. Uns fehlten die Worte, es hat nur zu einem traurigen Kopfschütteln gereicht.

    FotoEinige Minuten später war es finster und wir konnten die Landschaft nur erahnen – bis wir am Horizont Feuer entdeckten. Und dann tauchten immer mehr „Feuerstellen“ auf. Bei mir dauerte es eine Weile, ehe ich verstand was ich sah: der Krieg ist hier noch nicht vorbei. Hier werden immer noch Häuser von Kikujus abgebrannt. Hier wird immer noch Eigentum vernichtet, werden Menschen heimatlos gemacht und um ihre Existenz gebracht. Ein Kälteschauer lief mir über den Rücken und meine Augen wurden feucht. Und wieder fehlten mir die Worte.

    FotoCa. 18 Stunden später schütelle ich nach dem Msafara-Gottesdienst einem Mann die Hand, der mir mit folgenden Worten vorgestellt wird: „Das ist Pastor M. Seine Frau und sein fünfjähriges Kind sind in einer Kirche zu Asche verbrannt.“ Ich sehe ihn an und würde ihm gern etwas sagen – aber ich weiß nicht was. Zu unvermittelt trafen mich die Worte.

    Eine Stunde später betrat ich den Ort, wo diese Kirche stand, in denen Menschen Zuflucht suchten – und verbrannten. Ich sehe Reste von halbverkohlten Kleidungsstücken und Fotos. Mein Kopf ist leer. Es reicht gerade noch dazu, die Viedeokamera auszupacken und zu filmen. Wenn mir schon die Worte fehlen, dann sollen wenigstens Bilder sprechen. Damit so etwas nicht noch einmal passiert.

    Upcountry

    Auf ins Innere von Kenia! Mit 6 Bussen startete unser Konvoi gestern Vormittag von Nairobi und fuhr in weiter ins Gebirge über Naivascha nach Nakuru. Kleine Extra-Herausforderung: Wir fahren nicht mit Reisebussen, sondern mit Linienbussen. D.h. In einer Reihe sind statt 4 5 Sitzplätze und es ist dementsprechend eng. Platz für unser Reisegepäck und den den Hunderten Wasserflaschen gibt es ebenfalls nicht. Für uns beide bedeutet das, unsere Reisetasche steht da, wo eigentlich unsere Füße hin sollten, Rucksack und Kamera werden irgendwo daziwschen gequetscht.

    In Naivascha werden wir am Stadtrand herzlich in Empfang genommen und mit einer Autokolonne zur Gemeinde geleitet. Wir öffnen die Tür vom Bus und singen Lieder. Die Leute gucken, staunen, manche wollen einsteigen, weil sie denken, es ist ein Linienbus.

    Wir sind wieder mal viel zu spät dran. Darum stürzen wir aus dem Bus raus, ohne Verzug zum Gottesdienst. Singen und beten – wir kennen das nun schon, aber trotzdem ist es immer wieder bewegend. Gott ist da – das erleben wir.

    Später in einem Flüchtlingscamp in Nakuru sehen wir Bilder der Zerstörung von einem britischen Helfer, der überglücklich ist, uns zu sehen. Und wieder sind ie Erwartungen der Flüchtlinge groß, gerade an die Weißen. Und die Leute verstehen nicht, dass wir kein Geld mit haben und auch nicht geben können. Wir haben Hilfspakete mit. Doch es stellt sich wieder mal heraus, es sind viel zu wenig. Ein Mädchen will ein Lied für mich singen, wenn sie ein Paket bekommt. Denn die „Schuhe“ (Flipflops), die sie trägt sind nur geliehen.

    Mit Einbruch der Dunkelheit verlassen wir das Camp, während immer noch viel darauf warten und hoffen, ein Hilfspaket zu bekommen. Und ich fühle mich wieder einmal traurig und hilflos.
    Konnten wir hier was bewirken? Haben wir Hoffnung bringen können? Oder waren wir nur eine nette Abwechslung in dem tristen und staubigen Camp-Alltag?

    Fast wie in alten Zeiten

    Wir sind heute selber Auto gefahren, so richtig mit mit selber Gas geben und selber lenken. Und dazu noch richtig lang. Wow, das war ein Gefühl nach 4 1/2 Monaten „fasten“.

    Wie’s dazu kam? Ganz einfach. Wir haben eine SMS von Oscar bekommen: „Wollt ihr mit meinen Auto ohne mich von Mombasa nach Nairobi zurückfahren?“ – Kein Scherz, das war ein ernsthaftes Angebot. Ich hätte ja zurückgeschrieben: „Ja gern, und die restlichen drei Jahre würden wir es auch gern fahren.“ Aber ich durfte nicht, Daniel war dagegen. Wie immer. 🙁

    Während die Herrschaften den Flieger nahmen, das restliche Fußvolk mit dem Bus über Nacht zurück fuhr, durften die Weißen einen Tag später und ausgeruht mit dem Auto fahren. Ach war das scheen.

    Und jetzt hat Daniel gerade das Problem, dass er den Wagen nicht wieder los bekommt, weil Oscar verschwunden ist. Von mir aus. Hab doch gleich gesagt, wir behalten ihn, aber mein Mann wollte nicht hören…

    Dreistundengottesdienst

    Höhpunkt und Abschluss in Mombasa war ein über drei Stunden dauernder Gottesdienst, bei dem alle wichtigen Kirchen- und Gemeindevertreter teilnahmen.
    Es wurde viel gebetet, gesungen, geweint. Sehr bewegend, wenn auch die Musik sehr laut und der Sound ziemlich schlecht war.

    Hier ein paar Impressionen: